Der Placebo-Effekt oder wie Selbstheilung funktioniert

Wir haben alle schon von Placebos und dem Placeboeffekt gehört, im Fremdwörterduden wird Placebo folgendermaßen definiert: „.. (lat.: „ich werde gefallen“): (Med.) Medikament, das einem echten Medikament in Aussehen u. Geschmack gleicht, ohne dessen Wirkung zu enthalten.“

Wenngleich sie keinen Wirkstoff enthalten, können Placebos eine Wirkung entfalten und im Körper messbare Veränderungen bewirken. Besonders interessant ist, dass sie sogar unerwünschte Nebenwirkungen verursachen können, die sogenannten Nocebos.

Placebos werden fast ausschließlich eingesetzt, um den Nutzen neu entwickelter Arzneimittel zu testen.

Heute werden diese Untersuchungen in sogenannten Doppelblind-Studien durchgeführt, bei denen weder Arzt noch Patient weiß, ob das verabreichte Medikament den Wirkstoff oder nur eine Placebosubstanz enthält. Frühere Experimente, bei denen die teilnehmenden Ärzte informiert waren, welchen Stoff sie verabreichten, hatten gezeigt, dass die Mediziner das Ergebnis der Studien (unbewusst) beeinflussten. Das Verhalten der Ärzte sowie der Glaube und die Selbstheilungskräfte des Patienten beeinflusste die Heilung mehr als eine Therapie.

Man kann jedem Patienten deshalb nur raten, sich einen Arzt zu suchen, der Optimist ist und dem es gelingt, eine Atmosphäre zu erzeugen, die die positiven Erwartungen des Patienten im Umgang mit seiner Krankheit stärken.

Unsere Beeinflussbarkeit zeigt sich auch in der Tatsache, dass die Studien ans Licht brachten, dass aufwendige Placebos besser wirken als weniger aufwendige, demnach erzielen Spritzen bessere Wirkungen als Pillen.

Untersuchungen zeigen weiterhin, dass teure Placebos bessere Ergebnisse erwarten lassen als billigere. Bei einer wissenschaftlichen Studie zum vermeintlichen Test eines vorgeblich neuen Schmerzmittels in den USA wurde der einen Hälfte der Probanden vorher erklärt, das Medikament koste $2,50, die andere Hälfte erhielt die Information, es koste $0,10, wobei alle Teilnehmer völlig identische Placebos erhielten.

Es zeigte sich jedoch, dass nach Einnahme des Scheinprodukts bei der ersten Gruppe das mittels Stromstößen gemessene Schmerzempfinden entschieden geringer war als bei der Gruppe, die das scheinbar preisgünstigere Placebo erhalten hatte.

Verallgemeinernd kann man also vermuten, dass teurere (Schmerz-) Medikamente bei den meisten Menschen bessere Wirkungen erzielen als preiswerte.

Unser Glaube, unsere Überzeugungen und Erwartungen haben also einen sehr großen Einfluss auf unser Erleben, unsere Wahrnehmung und Interpretation der Realität. Dessen sollten wir uns bewusst sein.

Mich fasziniert das Thema Placebo schon geraume Zeit und ich finde es schade, dass es oft so einen negativen Beiklang hat, “das ist nur ein Placeboeffekt”. Deshalb plädiere ich dafür, ihm einen neuen Namen zu geben: Selbstheilungseffekt, denn letztlich zeigt er uns, zu welchen Wundern unser Körper fähig ist, wenn wir daran glauben.

Ein Teil des Placeboeffekts wird erklärt durch die Zuwendung, die Probanden erhalten, die an Studien teilnehmen. Diese Personen werden sehr häufig untersucht, sie erhalten wesentlich mehr Aufmerksamkeit als ein Patient bei der üblichen ambulanten Versorgung, die immer mehr vom Zeitdruck des Arztes geprägt ist.

Allein durch die intensive Betreuung und ausgiebige Untersuchungsgespräche der Studienteilnehmer tritt eine Wirkung der Behandlung ein. Wie hoch dieser Anteil in Medikamentenstudien tatsächlich ist, kann man kaum beziffern, ich habe Angaben von bis zu 40 % gefunden.

Wichtiger finde ich allerdings den Einfluss, den die persönliche Zuwendung des Arztes auf den Patienten hat. Ein ausführliches Gespräch könnte häufig das Verschreiben teurer Pharmaprodukte vermeiden.

In der medizinischen Ausbildung sollte dem Placeboeffekt eine größere Aufmerksamkeit gewidmet und den angehenden Medizinern bewusst gemacht werden, welch bedeutenden Einfluss ihr eigenes Verhalten auf die Heilungschancen ihrer Patienten haben kann.

Sie sollten sich ihrer Verantwortung nicht zuletzt wegen des sogenannten Noceboeffekts bewusst sein, also der Nebenwirkungen wirkstoffloser Präparate. Der Noceboeffekt bedeutet, dass auch Scheinmedikamente negative Wirkungen haben können, die den Patienten kranker machen und im Extremfall sogar töten können.

Es gibt Untersuchungen aus den USA, wo Patienten, bei denen eine tödliche Krankheit diagnostiziert wurde, zu einem Zeitpunkt starben, an dem die Krankheit noch nicht tödlich war. Sie glaubten also der tödlichen Prognose und starben nicht an der Krankheit, sondern an ihrem Glauben.

Sowohl der Placebo- als auch der Noceboeffekt belegen die Kraft unserer Gedanken und Erwartungen und ihren Einfluss auf unseren Körper.

Wir müssen uns also bewusst machen, welch großen Anteil unsere Überzeugungen haben und wie leicht wir beeinflusst werden durch Mediziner, Wissenschaftler, Medien, usw.

Auf meinem eigenen Weg der Heilung war es ein entscheidender Schritt, an diese zu glauben, auch entgegen der Meinung aller (sogenannten) Experten.

Zum Thema Placebo gibt es leider nur wenige neutrale Untersuchungen, in der Regel dienen sie lediglich der Überprüfung der Wirksamkeit neuer Medikamente.

Ich fände es allerdings viel interessanter, herauszufinden, wie man den Placeboeffekt gezielt herbeiführen kann, also bewusst die Selbstheilungskräfte fördert. Das wäre doch mal ein Thema für eine medizinische Doktorarbeit!

Für uns als Finanziers des Gesundheitssystems stellt sich die Frage, ob wir weiterhin eine Maschinerie unterhalten wollen, die uns nicht darin unterstützt, unsere Eigenverantwortung für Gesundheit und Heilung zu fördern.

Ich finde, es ist an der Zeit, unser Wohlergehen in die eigenen Hände zu nehmen. Dafür sind jedoch grundlegende Änderungen nötig und jeder muss prüfen, was für ihn passt und erstrebenswert ist.

(gekürzter Auszug aus meinem Buch “Nicht kratzen, waschen! Neurodermitis verstehen und heilen”)

2019-08-07T11:22:41+01:00 Juli 16th, 2019|Allgemein|